Geschichte

Das Glockenspiel in Ducherow – ein bedeutendes Musikinstrument
I.

Das Glockenspiel

Anlässlich der Konfirmation seiner Tochter stiftete Graf Ulrich v. Schwerin im Jahre 1914 das Glockenspiel, das seinen Platz im Ducherower Kirchturm fand. Die Ursache hierfür waren persönliche Erlebnisse. Während seiner Militärzeit in Potsdam ging er häufig an der Garnisonskirche dort vorüber, deren Glockenspiel bekannt und berühmt war, vor allem durch das Lied: „Üb immer Treu und Redlichkeit“, das vom Dichter Hölty (1748-1776) stammt. Ähnliches wünschte sich der Graf für seine Kirche in Ducherow, deren Patronatsherr er war.

Er gab einen entsprechenden Auftrag zur Herstellung an die Berliner Turmuhrenfabrik von C.F. Rochlitz, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Weltruf genoss. So richtete diese Fabrik die mechanische Anlage mit acht Glocken für das Erklingen der drei Choräle „Wach auf, mein Herz, und singe“, „Jesu, geh voran auf der Lebensbahn“ und „Nun ruhen alle Wälder“. Noch heute könnte ein Fachmann die Mechanik so ändern, dass sie andere Lieder ertönen ließe.

Derartige mechanische Glockenspiele werden jetzt nicht mehr gebaut; sie haben Museumswert und sind fast überall durch elektrische oder elektronische Steuerungen ersetzt. Es ist wenig bekannt, dass auf der alten Ducherower Mechanik – ähnlich wie auf den Tasten eines Klaviers – auch sämtliche Musikstücke in „Handarbeit“ gespielt werden können, wenn die Melodien den Tonumfang der acht Glocken nicht überschreiten. Fast 70 Melodien des Evangelischen Gesangbuches sind mit Leichtigkeit darzustellen – ganz zu schweigen von einer Unmasse alter Volkslieder. Glocken sind bekanntlich Musikinstrumente, und Kenner werden bemerken, dass ihre Stimmung in Ducherow der aus dem Altertum bekannten mixolydischen Tonart entspricht. Daraus ergeben sich Interpretationsmöglichkeiten, die hier nicht weiter erörtert werden können.

II.

In den Zeiten ohne Radio, Fernsehen und Computer sang man gern und viel. Daheim und auch in den Dorfschulen lernte man christliche Kinderlieder. Bis heute ist die Melodie von 1818 bekannt: „Weißt du, wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? Weißt du, wieviel Wolken gehen weithin über alle Welt? Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl, an der ganzen großen Zahl.”

III.

Frühere Generationen unterschieden nicht streng zwischen Kirchen- und Volksliedern. Nur selten kennt man Verfasser und Entstehungszeit der Volkslieder. Wichtiger war, die Freude am Singen zu fördern und zu pflegen. Glocken begleiteten mit ihren Tönen solche Freude. Daher folgen nun einige Beispiele aus diesem Bereich. Viele Kinderlieder lassen sich wegen des geringen Tonumfanges hier in Ducherow leicht spielen. Jeder von uns kennt: „Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein; Stock und Hut stehn ihm gut, ist ganz wohlgemut. Aber Mutter weinet sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr. „Wünsch dir Glück“ sagt ihr Blick, „kehr nur bald zurück!““.
Oder: „Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald. Lasset uns singen, tanzen und springen! Frühling, Frühling, wird es nun bald.“

IV.

Die Mechanik

Die Ducherower Patronatsherren der Grafschaft von Schwerin, haben über viele Jahrhunderte auch im wesentlichen für den Erhalt der Ducherower Kirche gesorgt. Der Graf Ulrich von Schwerin hatte seine Militärzeit beim 1. Garderegiment in Potsdam geleistet und dort vom Turm der Garnisonskirche mit Freude die Melodien des berühmten Glockenspieles gehört. Dies schien ihm auch für sein Dorf Ducherow zur Nachahmung geeignet. So stiftete er mit seiner Familie zur Konfirmation seiner Tochter Valti Luisa Agnes von Schwerin 1914 das Glockenspiel, das bis zum Zweiten Weltkrieg durch seinen Klang die Ducherower Einwohner an wesentliche Wahrheiten des christlichen Glaubens erinnerte. Es spricht von der gottesfürchtigen Haltung der Grafenfamilie, die ausgerechnet diese drei Lieder für das Glockenspiel aussuchte. Sie überspannen den Tageslauf für jeden, der sie erklingen hört. Sie laden zur Andacht und Besinnung ein, das persönliche Leben und Tun nicht als selbstverständlich zu sehen, sondern als eine als Geschenk und eine Aufgabe von Gott her zu erkennen.

Der furchtbare Einschnitt geschah 1941. Bis auf die älteste wurden alle restlichen 10 im Turm von Ducherow befindlichen Glocken für Kriegszwecke demontiert. Nun schwieg das Ducherower Glockenspiel für viele Jahrzehnte. Die Mechanik stand verwaist da, nur das Turmuhrwerk arbeitete noch. Immer wieder beschäftigte sich der Gemeindekirchenrat damit, dies zu ändern, doch es fehlten die Möglichkeiten, neue Glocken gießen zu lassen.
Erst 1997 gelang es durch eine öffentliche Haus- und Straßensammlung sowie durch die Unterstützung der Kommune, so viel Geld aufzubringen, dass die Neuanfertigung der 8 Glocken und die Überholung der Mechanik möglich wurde.

Nun, 100 Jahre später erklingt das Glockenspiel immer noch als einziges mechanisches Glockenspiel in ganz Mecklenburg-Vorpommern, allerdings noch ohne die Originalglocken.